Pillen fürs Volk
von Sarah Stutte
Als lockere Unterhaltung war Edward Zwicks «Love and other Drugs» gedacht, ein schwerfälliges Sammelsurium verschiedenster Genres und Handlungen ist letztendlich daraus geworden. Dass der Film über Liebe in Zeiten von Viagra kein völliges Desaster geworden ist, verdankt er vor allem seinen beiden Hauptdarstellern.
Ob blond, ob braun: Jamie (Jake Gyllenhaal) liebt alle Frauen. Seine Mischung aus jugendlichem Ungestüm, aggressivem Charme, unverhohlener Selbstverliebtheit und der nötigen Portion Karrieregeilheit kommt dem begabten Schwätzer gleich doppelt zugute. Als Elektrofachverkäufer könnte Jamie seinen Kundinnen nach dem Stelldichein nämlich sogar Grossmutters kaputten Kühlschrank andrehen. Doch als er schliesslich mit der Freundin seines Chefs rummacht, muss sich der Casanova nach einem neuen Job umsehen. So landet er beim Pharmaunternehmen Pfizer, wird als Vertreter für das Antidepressivum Zoloft ausgebildet und wartet mit seinem Freund und Kollegen Bruce (Oliver Platt) schon bald in den Vorräumen diverser Arztpraxen auf seine Chance. Diese eröffnet sich Jamie bald in Gestalt liebesbedürftiger Sprechstundenhilfen, die er mit Blumen bezirzt und durch deren Betten er sich schläft, um sein Produkt in den Medikamentenschränken der Ärzte unterbringen zu können. Während einem dieser Klinikbesuche lernt Jamie die Fotografin Maggie (Anne Hathaway) kennen, die als an Parkinson erkrankte Patientin eben dort einen Termin hat. Eine leidenschaftliche Affaire beginnt, die sich zum Unwillen beider zu einer festen Beziehung entwickelt. Doch Jamie ist nicht bewusst, was die Krankheit seiner Freundin wirklich bedeutet. Und gerade jetzt steht er dank der neuen Sexpille Viagra vor einem grossen Karrieresprung…
Regisseur Edward Zwick (Glory, Last Samurai, Blood Diamand) gilt gemeinhin als Epen-Spezialist. Das könnte der Grund sein, warum er versuchte, fünf grundverschiedene Handlungsstränge in einem Film unterzubringen und diesen auf insgesamt 112 Minuten ernüchternde, weil zähe Laufzeit aufzublasen. Zwick will mit seinem Werk einfach zuviel: will leichtfüssige Romanze, beschwingte Komödie, ernsten Beziehungsfilm, tiefgründiges Drama und absurde Sozialsatire in einem präsentieren – und tut sich damit keinen Gefallen. Denn die einzelnen Genres ergänzen sich nicht, sie stören sich gegenseitig und bringen die Geschichte immer wieder ins Stocken. Dabei ist am Anfang des Films noch alles gut. Love and other Drugs basiert auf dem Bestseller des Pharmazievertreters Jamie Reidy, der sich in «Hard Sell: The Evolution of a Viagra Salesman» weniger mit seinen amourösen Abenteuern brüstete, als auf amüsante Weise mit seinem früheren Arbeitgeber, Viagra-Erfinder Pfizer, abrechnete. Bedauerlicherweise darf der zynische Blick auf die Kapitalismus-Gesellschaft der 90er und das marode amerikanische Gesundheitssystem aber nur wenige Filmminuten in Anspruch nehmen. Die restliche Zeit über fragt man sich als Zuschauer öfters kopfschüttelnd, warum der Auftritt von Jamies peinlichem Bruder unbedingt von Nöten gewesen ist. Umso mehr, da dieser, ausser derben Spässen auf unterstem American Pie-Niveau («höhö, ich hole mir einen runter, während ich den selbstgedrehten Porno meines Bruders und seiner Freundin anschaue!»), rein gar nichts zur konkreten Handlung beitragen kann. Das altbekannte Liebeskarussel zweier bindungsunfähiger Protagonisten in die Arztpraxen unserer Zeit zu verlegen, um damit ein wenig Menschlichkeit in die so gar nicht humane Pharmaindustrie zu bringen, ist darüber hinaus zwar nett gemeint, in der Umsetzung jedoch zu durchschaubar, zu naiv, zu unschuldig und vor allem viel zu gewollt. Denn Maggies Parkinson-Erkrankung, die eine ganze Zeitlang keine grosse Rolle spielte, wird plötzlich und völlig grundlos zum ultimativen Beziehungskiller. Als Steilvorlage für das absehbare Happy End, in dem der Schwerenöter innerlich gereift zu seiner Traumfrau zurückfindet, erklärt sich dieser Plot Point zwar aus seiner Dramaturgie heraus, wirkt aber dennoch, als hätte Zwick sich nicht anders zu helfen gewusst, um seine Story schnell und schmerzlos zum Schluss zu führen.
Auch die freizügigen Sexszenen wirken nicht so, wie sie vielleicht sollten. Zwar ist es schön und löblich, dass Schauspieler in einem Hollywoodfilm mal nicht nur zugeknöpft und in absoluter Finsternis unter einer Decke rumfummeln müssen, wenn sich im Film aber über zwanzig Minuten hinweg nichts anderes tut, wird das Liebesspiel auf die Dauer ermüdend und langweilig. Gutes bleibt deshalb nur über die Schauspieler zu sagen. Jake Gyllenhaal spielt den charmanten Frauenhelden gewitzt und trotz seiner unerträglichen Charaktereigenschaften sympathisch, während Anne Hathaway als toughe und gleichzeitig verletzliche Frau einmal mehr ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen kann. Die Golden Globe Nominierungen für beide Darsteller gehen deshalb völlig in Ordnung. Hätte Zwick seinen offensichtlich spielfreudigen Hauptakteuren mehr Freiraum gegeben, statt sie in einem überladenen Drehbuch zu verheizen, wäre aus dem Ganzen vielleicht auch ein guter Film geworden.
[kkratings]
[hr]
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Love and Other Drugs (2010)
Originaltitel: –
Land: Japan
Regie: Edward Zwick
Drehbuch: Charles Randolph, Edward Zwick, Marshall Herskovitz, Jamie Reidy
Schauspieler: Jake Gyllenhaal, Anne Hathaway, Hank Azaria, Judy Greer, Oliver Platt, Gabriel Macht, Josh Gad, u.a.
Musik: James Newton Howard
Laufzeit: 112 Minuten
Start CH: 13.01.2011
Verleih: 20th Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved
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©20th Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved
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