The Substance (2011)

«Ein Milligramm – und alles ist anders.»

von Barbara Lussi

LSD: Mal Teufelsdroge, mal Wundermittel, mal Medikament, mal militärischer Kampfstoff – eine abenteuerliche Geschichte, die Martin Witz mit seinem neusten Film «The Substance» aufrollt. Schräg, bunt und aufschlussreich.

April 1943: Auf der Suche nach einem Blutkreislauf-Medikament arbeitet Albert Hofmann mit Mutterkorn, einem schwarzen Pilz, der auf Roggen wächst. Als er dabei auf eine bisher unbekannte Substanz stösst, die auf die menschliche Psyche einwirkt und die Wahrnehmung verändert, entscheidet er sich für einen Selbstversuch. «Ein furchtbares Erlebnis», wie er Jahre später sagen wird, «dieses Gefühl, in einer anderen Welt zu sein.» LSD war geboren.

Regisseur Martin Witz (Hugo Koblet – Pédaleur de Charme, 2010) erzählt die LSD-Story von ihren Anfängen bis heute: The Substance ist eine Reise durch sechs Jahrzehnte LSD, durch die Schweiz, zu den Indianern Südamerikas, auf die Strassen von Haight Ashbury und in Learys LSD-Kommune in Millbrook. Witz lässt Hofmann, den Vater des LSDs, kurz vor seinem 100. Geburtstag noch einmal zurückblicken und die Geschichte seines Sorgenkindes kommentieren. Und dafür hat Witz keine Mühen gescheut: Filmmaterial aus über 50 Film-Archiven wurden für The Substance zusammengetragen, von Originalaufnahmen von Psychiatern und ihren Probanden bis zu Interviews mit Zeitzeugen und LSD-Koryphäen aus dem Bereich Forschung.

Hoffmann hat, wie er bereits in den ersten Filmminuten deutlich macht, nie daran gezweifelt, dass LSD seinen Weg aus dem Labor finden und für Furore sorgen wird: «LSD kann nicht untergehen – unmöglich.» Wie Witz’ Film zeigt, stiess das neuartige Medikament gerade in der Psychiatrie auf grosses Interesse, wurde als heiliger Gral der Psychologie gefeiert und an menschlichen Versuchskaninchen getestet. Aber auch die Geheimdienste und das Militär fanden passende Verwendungszwecke. Während die CIA darauf hoffte, Verdächtigen mit LSD die Zunge lockern zu können, spielte die US Army zu Zeiten des kalten Krieges mit dem Gedanken, LSD als Kampfstoff zu verwenden. Geliebäugelt wurde mit dem ‚Krieg ohne Tote’, mit der Idee, gegnerische Truppen mit LSD um den Verstand zu bringen und kampfunfähig zu machen. Originalaufnahmen illustrieren auch hier die Theorie: Kompanien lachen sich krumm, statt in Reih und Glied zu marschieren, Soldaten brechen im Versuchslabor in lautes Gelächter aus, scheitern sie daran, 7 von 92 zu subtrahieren. Ein Monty Python Sketch wird real, nur eben ohne Tote.

Auch wenn die Aufnahmen aus den Psychiatrien und Militär-Versuchsräumen zu Genüge faszinieren: Witz’ Film wäre unvollständig, würde er LSD nicht auch in seinem wohl bekanntesten Gebrauch zeigen – LSD als Droge, im eigentlichen Sinne. Oder wie Carolyn Garcia, Lebensgefährtin von Jerry Garcia (Frontmann der Band The Grateful Dead und jahrelang mit seinem LSD-Bus unterwegs gewesen) sagt: als Katalysator. «LSD ist ganz anders als Alkohol; LSD blockiert nicht, LSD öffnet.» Zahlreiche Bilder von Menschenmengen, tanzend oder in ihre Hände vertieft, durch und durch glücklich oder durch und durch neben der Spur, illustrieren den LSD-Trip. So tun es auch die Originalaufnahmen, die Tim Leary vorstellen: den „Guru“ der Hippie-Bewegung – wegen durchaus wissenschaftlich gedachter LSD-Selbstversuchen aus Harvard gefeuert –, der die ‚Kunst der Extase’ lebte, die spirituelle Revolution und den LSD-Massenkonsum propagierte und mit Nachdruck forderte: «drop school, don’t vote, don’t politicate – get your shoes off!» Oder die Originalaufnahmen, die Nick Sand vorstellen: den selbsternannten Alchemisten, der über eine Viertelmilliarde LSD-Shots herstellte – mal auf Mutters Dachboden, mal in grossen Industriebauten – und nach Vietnam schickte, «to support our brothers».

Beide, Leary und Sand, sind Gesichter der LSD-Bewegung, mal mehr, mal weniger ernst zu nehmen. Darin liegt Witz’ Kunst: Stimmen der Forschung und der Zeit im Film zu platzieren, ohne sie zu werten. The Substance bemüht sich nicht darum LSD anzupreisen – und setzt sich nicht dafür ein, LSD zu verurteilen. Sachlich, aber packend spannt Witz den Bogen: von vergangener Forschung zu aktueller Forschung, von der Teufelsdroge zum Behandlungsmittel von Krebspatienten, vom einzelnen Trip zum Massentrip, von Learys Kommunen-Gedanke zum sozialen und politischen Plateau der 60er-Jahre, zur Antikriegsbewegung, zum LSD-Trend-Quartier Haight Ashbury, zur Riesendemo im Golden Gate Park, zu Jimi Hendrix, der seine Gitarre verbrennt, und zu Präsident Reagans Rüffel gegen all die LSD-Narren.

The Substance zeigt die schrägste Schweizer Erfindung in all ihren Facetten, lässt den Zuschauer mal lachen, mal leer Schlucken. Passend dazu schiebt Witz die eine oder andere LSD-Illustration ein – schwarze Löcher mitten am Strand, rosafarbene und gelbe Vögel am schwarzen Himmel, wackelige Bilder und verzogene Lichtreflexe im Versuchsraum des Psychiaters. «Verzaubert ist die ganze Welt», wird Hofmann gegen Filmende sagen; und mit LSD erst recht.

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The Substance (2011)
Englisch: The Substance: Albert Hofmann’s LSD
Land: Schweiz
Regie: Martin Witz
Drehbuch: Martin Witz
Personen: Albert Hofmann, Stanislav Grof, Martin A. Lee, James S. Ketchum, Franz X. Vollenweider, Carolyn Garcia, Ralph Metzner, Nick Sand, Roland Griffiths, Clark Martin u.a.
Kamera: Pio Corradi, Patrick Lindenmaier
Musik: Marcel Vaid
Laufzeit: 93 Minuten
DVD-Start CH: 17.11.2011
Verleih: Frenetic Films
Weitere Infos bei IMDB[/box]
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©Frenetic Films


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