Bottled Life (2011)

Bottled Life
Land: Schweiz, Deutschland, Äthiopien, USA, Nigeria, Pakistan
Regie: Urs Schnell
Drehbuch: Res Gehriger, Urs Schnell
Kamera: Laurent Stoop
Schnitt: Sylvia Seuboth-Radtke
Musik: Ivo Ubezio
Laufzeit: 90 Minuten
Start CH: 26.01.2012
Verleih: Frenetic Films
Weitere Infos bei IMDBB

Von Grundrecht und Grundwasser

von Severin Auer

Sauberes Wasser ist ein Menschenrecht. Ohne Wasser kein Leben. Regisseur Urs Schnell und Journalist Res Gehriger beleuchten das Geschäft mit dem Flaschenwasser und nehmen den Big Player Nestlé genauer unter die Lupe. Die Nachforschungen führen sie in die USA, nach Nigeria und Pakistan, wo Nestlé aus dem örtlichen Grundwasser das mit Mineralien angereicherte „Pure Life“ produziert und teuer an die Bevölkerung verkauft. ‘Bottled Life’: ein eindrücklicher Dokumentarfilm, der einen einzelnen, aber wichtigen Bereich der Wasserthematik beleuchtet und fundamentale Fragen stellt, die in den kommenden Jahren immer aktueller werden dürften.

In der Schweiz strömt sauberes Trinkwasser durch die Leitungen und im Sommer kann man an öffentlichen Brunnen jederzeit seinen Durst stillen. Dennoch bezahlt die Bevölkerung ganz selbstverständlich für abgepacktes Flaschenwasser. Edler soll es sein und besonders gesund. Angetrieben von einer Werbemaschinerie, die den Konsumenten Wasser als Gesundheits- und Lifestyleprodukt verkauft, haben Getränkehersteller einen lukrativen Markt erschlossen. Der Leader der Branche ist der Schweizer Nestlé-Konzern, der weltweit über 70 verschiedene Wassermarken (Perrier, San Pellegrino, Vittel, Henniez, u.a.) besitzt und damit jährlich rund 10 Milliarden Franken umsetzt.

In den USA hat der Konzern Quellgebiete gekauft und Grundstücke gepachtet. Mit Lastern wird das Wasser kubikliterweise aus den ländlichen Gebieten abtransportiert, in den Abfüllstationen zusammengemischt und anschliessend unter entsprechender Marke verkauft. In den Dörfern formte sich unlängst Widerstand gegen Nestlé, weil der Gigant das Grundwasser zum Niedrigpreis pumpt und mit tausendfacher Marge weiterverkauft. Ein Protest auf moralischer Basis, geführt gegen ein Heer von Anwälten.

1998 hat Peter Brabeck (Nestlé-Stratege und ehemaliger CEO) in den Schwellen- und Entwicklungsländern „Pure Life“ lanciert, gereinigtes, mit einem speziellen Mineralmix angereichertes Grundwasser. In Pakistan sind die Pegel der einheimischen Brunnen bald drastisch gesunken, während Néstle nebenan Grundwasser zapft. In Megastädten wie Lagos (Nigeria) steht die öffentliche Trinkwasserversorgung vor dem Kollaps, Wasser ist nur abgekocht geniessbar. Nestlé bietet die sichere Alternative für die Oberschicht: Ein Liter „Pure Life“ ist teurer als ein Liter Benzin.

Darf Wasser etwas kosten? Peter Brabeck sagt: „Wasser braucht einen Preis.“ Im Dokumentarfilm wollte der Präsident des Nestlé-Verwaltungsrates aber keine Stellung beziehen, hat Schnell und Gehriger weder Interviews noch Zugang zu den Fabriken gewährt. Der Grund: Die Fokussierung auf Flaschenwasser sei nicht der richtige Ansatz, um das weltweite Wasserproblem abzuhandeln, da Flaschenwasser nur 0.0009 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs ausmache. Am vergangenen World Economic Forum in Davos auf den Dokumentarfilm angesprochen, erklärte Brabeck seine Sicht etwas ausführlicher. Das Hauptproblem sei die Übernutzung von Wasser in der Landwirtschaft, auf die 70 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs abfalle, gegenüber 20 Prozent in der Industrie und 10 Prozent in den Haushalten. Während die vorhandene Wassermenge fix bleibe, steige der Verbrauch mit der Zunahme der Bevölkerungszahl und dem erhöhten Nahrungsbedarf stetig. Um nur ein Kalorie aus einer Pflanze zu gewinnen, brauche es einen Liter Wasser, eine Kalorie aus Fleisch hingegen bereits 10 Liter. Nestlés Ansatz sei es, dem Wasser wieder einen Wert zuzuschreiben. Wasser werde übernutzt, weil der Preis zu niedrig sei.

Man merkt schnell, das Thema Wasser ist komplex. Durch die Beschränkung auf Flaschenwasser wird in Bottled Life zwar ein einseitiger, aber äusserst spannender Einblick in Nestlés Strategie zur Erschliessung wertvoller Quellen gegeben. Der Nahrungsmittelkonzern wird als skrupellos und geldgierig dargestellt, weil er ein Grundrecht mit einem Preis versieht. Wenn Wasser zum Niedrigpreis oder sogar gratis abgezapft wird, nur, um es deutlich teurer weiter zu verkaufen, dann ist dies längst nicht mehr Teil der ideologischen Mission, dem Wasser einen Wert zuzuschreiben, sondern in erster Linie Profitgier. Umgekehrt muss Nestlés Argument geltend gemacht werden, dass in die ganze Welt verschifftes Süsswasser – oder auch Bier und Wein – keinen Wirbel und keine Entrüstung auslöst, wenn es als Ware verkauft werde. Dabei sei Süsswasser auch nur mit Zucker angereichertes und gefärbtes Wasser.

Der springende Punkt in der ganzen Diskussion ist die Angst vor der Monopolstellung einer bestimmten Firma und die damit einhergehende Kontrolle eines lebensnotwendigen Guts. Auch wenn Nestlé nicht der einzige Konzern ist, der den Markt beliefert, so stösst die Tatsache, dass er bereits unzählige Quellen in seinem Besitz wähnt, doch sauer auf. Ölförderung beschert heutzutage astronomische Gewinne, ein Verzicht ist kaum vorstellbar. Immerhin, hier in der Energiefrage sind Alternativen vorhanden. Auf Wasser kann der Mensch aber in keinem Fall verzichten, genauso wenig wie auf Sauerstoff. Wenn ein privater Anbieter also die natürlichen Wasservorkommen zu kontrollieren und aus der propagierten Regulierungsabsicht Profit zu schlagen beginnt, dann läuft etwas falsch. Dass dies längst Realität ist, wird einem erst nach Bottled Life so richtig bewusst.



©Frenetic Films


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